Warum wir glauben, dass Athleten nicht mehr Daten brauchen —
sondern mehr Verständnis.
8 Minuten
Danach weisst du, warum Sumenia existiert — und warum eine richtige Zahl
trotzdem in die Irre führen kann.
Ein Athlet misst heute mehr als jeder Profi vor zwanzig Jahren.
Herzfrequenz, Leistung, Schlaf, Belastung, Erholung — Dutzende Werte, mehrere Geräte,
mehrere Anwendungen.
Das Problem ist selten, dass zu wenig gemessen wird. Es ist, dass die Zahlen
nebeneinanderstehen, ohne sich gegenseitig zu erklären.
Eine einzelne Zahl kann völlig richtig gemessen sein und trotzdem nur einen winzigen
Teil der Geschichte erzählen. Erst der Zusammenhang macht aus einem Wert eine Erkenntnis.
Genau dort setzt Sumenia an.
1 · Was du heute alles misst
Nimm eine gewöhnliche Ausfahrt oder einen Dauerlauf. Aufgezeichnet werden dabei,
je nach Gerät:
Dazu kommen Uhr, Fahrradcomputer, Brustgurt, Waage und drei Anwendungen, von denen
jede ihre eigene Rechnung aufmacht.
Das ist eine bemerkenswerte Leistung der letzten fünfzehn Jahre.
Was früher ein Labor brauchte, liegt heute am Handgelenk. Der Zugang zu Messdaten ist
kein Problem mehr.
2 · Und warum das nicht reicht
Stell die Frage, die nach dem Training wirklich zählt:
Bin ich auf dem richtigen Weg?
Keine der Zahlen oben beantwortet sie. Jede beantwortet eine andere Frage, und keine
kennt die Antwort der anderen.
Die Sportwissenschaft ist hier deutlicher, als man erwarten würde. In einer
Übersichtsarbeit zur Trainingsüberwachung schreibt Shona Halson (2014):
Very few of these markers have strong scientific evidence supporting their
use, and there is yet to be a single, definitive marker described in the literature.
Sinngemäss: Nur sehr wenige dieser Messgrössen sind wissenschaftlich gut
abgesichert, und eine einzelne, eindeutige Kennzahl gibt es in der Fachliteratur bis
heute nicht.
Halson 2014 · Sports Medicine · Quelle 1
Das ist die eigentliche Nachricht: Es gibt nicht die eine Zahl.
Wer darauf wartet, dass ein Gerät sie eines Tages ausgibt, wartet auf etwas, das es
nach heutigem Stand nicht gibt.
Was es gibt, ist der Zusammenhang zwischen den Zahlen.
3 · Ein Beispiel, das jeder kennt
Alex, 78 kg. Schwellenleistung: 267 Watt.
Rechnen wir, was jeder rechnet:
267 W ÷ 78 kg = 3,42 W/kg
Und jetzt kommt der Satz, den man in diesem Moment überall liest und der hier
nicht steht:
„3,42 W/kg ist gut.“
Er steht nicht da, weil er nichts bedeutet. Nicht, weil der Wert schlecht wäre —
sondern weil bei dieser Frage noch niemand etwas über Alex weiss.
Sind die 267 W neu, oder standen sie vor sechs Wochen schon da?
Kommen sie aus einem Test oder aus einer Schätzung?
Ist Alex in der dritten Grundlagenwoche oder zwei Tage nach einem Wettkampf?
Hat er drei Wochen aufgebaut — oder drei Wochen gefehlt und ist gerade zurück?
Fährt er Kriterien oder Langdistanz?
Dieselbe Zahl bedeutet in diesen Fällen völlig Verschiedenes.
Die Zahl ist nicht falsch. Sie ist allein.
4 · Das Modell: DATA → CONTEXT → UNDERSTANDING
Drei Stufen. Links steht eine Zahl allein. In der Mitte bekommt sie eine Umgebung.
Rechts stehen Fragen statt Antworten — und das ist kein Ausweichen.
01 · Data
Was gemessen wurde
267 W
Ein Datenpunkt. Sauber erhoben, technisch einwandfrei — und für sich genommen stumm.
02 · Context
Was danebensteht
78 kgVorwoche 259 W3. Grundlagenwoche9 h WochenumfangRuhepuls 10 Tage unverändert2 Ruhetage in 14
Jetzt hat die Zahl eine Umgebung. Sie ist nicht mehr ein Wert, sondern eine Stelle
in einer Entwicklung.
03 · Understanding
Was jetzt gefragt werden kann
Warum hat sich der Wert verändert?
Passt die Veränderung zu dem, was trainiert wurde?
Bewegen sich andere Signale gleichzeitig — und in dieselbe Richtung?
Ist der Verlauf tragfähig oder ein Ausschlag?
Was heisst das für die nächste Trainingsphase?
Die dritte Stufe endet mit Fragen, nicht mit Antworten. Das ist kein
Ausweichen. Es ist der Punkt: Ein Athlet, der die richtigen Fragen stellen kann, trifft
bessere Entscheidungen als einer, dem ein Gerät eine Antwort vorsetzt, deren
Zustandekommen er nicht kennt.
5 · Warum das keine Wortklauberei ist
Es gibt ein Begriffspaar, das die Sportwissenschaft seit Jahrzehnten benutzt und das
den Unterschied greifbar macht:
Was es meintBeispiel
Äussere BelastungWas du getan hast90 Minuten, 240 Watt im Schnitt, 800 Höhenmeter
Innere BelastungWas es mit dir gemacht hatPuls, empfundene Anstrengung, Erholungsdauer
Die äussere Belastung ist bei zwei Athleten identisch. Die innere fast nie. Und beim
selben Athleten ist sie an zwei Tagen verschieden.
Halson beschreibt genau das:
Individual athletes may respond differently to a given training stimulus,
and the training load required for adaptation may differ significantly from one
athlete to another.
Sinngemäss: Athleten reagieren unterschiedlich auf denselben
Trainingsreiz, und die für eine Anpassung nötige Belastung kann sich von Athlet zu
Athlet deutlich unterscheiden.
Halson 2014 · Sports Medicine · Quelle 1
Und weiter, zum Auseinanderdriften der beiden:
It is this uncoupling or divergence of external and internal loads that may
aid in differentiating between a fresh and a fatigued athlete.
Sinngemäss: Gerade das Auseinanderlaufen von äusserer und innerer
Belastung hilft dabei, einen frischen von einem ermüdeten Athleten zu unterscheiden.
Halson 2014 · Sports Medicine · Quelle 1
Lies den letzten Satz noch einmal. Die Erkenntnis steckt nicht in einer der beiden
Zahlen.
Sie steckt im Abstand zwischen ihnen.
Wer nur eine von beiden ansieht, kann sie nicht finden — egal wie genau er misst.
6 · Die Zahl, die alle überzeugt hat und trotzdem nicht trug
Ein Beispiel dafür, wie teuer eine Zahl ohne Zusammenhang werden kann — und es ist
kein Randfall.
Über Jahre galt das Verhältnis von akuter zu chronischer Belastung
(acute:chronic workload ratio) als die Kennzahl, die das Verletzungsrisiko vorhersagt:
die Belastung der letzten Woche geteilt durch die der letzten vier. Es gab einen
empfohlenen Bereich, es gab Grenzwerte, und das Internationale Olympische Komitee
empfahl sie zur Überwachung.
2020 erschien in Sports Medicine eine Übersichtsarbeit, die diese Kennzahl
methodisch auseinandernahm. Die Autoren schreiben:
However, there are several limitations to the ACWR and how it has been
analyzed which impact the validity of current recommendations and should discourage
its use.
Sinngemäss: Es gibt mehrere Einschränkungen der Kennzahl und ihrer
Auswertung, die die Gültigkeit der heutigen Empfehlungen betreffen und von ihrer
Verwendung abraten sollten.
Wang et al. 2020 · Sports Medicine · Quelle 2
Im selben Jahr erschien im International Journal of Sports Physiology and
Performance eine Arbeit unter dem Titel «Acute:Chronic Workload Ratio: Conceptual
Issues and Fundamental Pitfalls».
Was daran lehrreich ist, ist nicht, dass eine Kennzahl umstritten ist.
Das ist in der Wissenschaft der Normalfall. Lehrreich ist, wie es sich anfühlte: Die
Zahl war einfach, sie hatte einen Grenzwert, sie stand in jeder Anwendung, und sie sah
aus wie eine Antwort.
Eine Zahl, die aussieht wie eine Antwort, ist die gefährlichste
Art von Zahl.
7 · Was daraus für Sumenia folgt
Sumenia ist nicht gebaut worden, um noch mehr zu messen. Was gemessen werden muss,
messen deine Geräte bereits gut.
Sumenia ist gebaut worden, um das zusammenzubringen, was heute nebeneinanderliegt —
und um dabei drei Dinge einzuhalten:
Zusammenhang vor Einzelwert. Eine Zahl wird nie allein gezeigt,
wenn ihre Bedeutung von etwas anderem abhängt.
Geschätzt sieht aus wie geschätzt. Ein Wert, den ein Verfahren
errechnet hat, wird als solcher gekennzeichnet — nicht stillschweigend neben einen
gemessenen gestellt. Wer nicht weiss, welche seiner Zahlen gemessen und welche
geraten sind, kann keine davon beurteilen.
Die Daten gehören dir. Einwilligungen für Gesundheitsdaten sind
bei Sumenia nie vorangekreuzt, deine Trainingsdaten sind kein Werbeprofil, und die
Startadresse einer Route lässt sich schützen, ohne die Route zu verstecken. Das ist
keine Fussnote, sondern eine Bauentscheidung, die an mehreren Stellen Aufwand
gekostet hat.
Deine Schwellenleistung ist eine Zahl.
Deine Entwicklung ist eine Geschichte.
Sie erklärt Sportwissenschaft. Sie gibt keine medizinischen Empfehlungen
und stellt keine Diagnosen.
Wenn hier steht, was die Herzfrequenzvariabilität ist und wie sie entsteht, dann heisst
das nicht, dass ein bestimmter Wert bei dir eine bestimmte Massnahme nahelegt.
Anhaltende Beschwerden, ungewöhnliche Werte und alles, was sich nach mehr als
Trainingsmüdigkeit anfühlt, gehören zu einer Ärztin oder einem Arzt — nicht in eine
Auswertung.
Diese Grenze steht nicht im Kleingedruckten, weil sie keine Formalie ist. Sie ist der
Unterschied zwischen einer Wissensplattform und einem Ratgeber, der so tut, als
kennte er dich.
9 · Wo du weiterliest
Wenn wir Training verstehen wollen, müssen wir zuerst verstehen, was die einzelnen
Signale bedeuten.
Quellen
Halson, S. L. (2014). Monitoring Training Load to Understand
Fatigue in Athletes. Sports Medicine, 44(Suppl. 2), 139–147.
doi:10.1007/s40279-014-0253-z — Übersichtsarbeit
Wang, C., Vargas, J. T., Stokes, T., Steele, R., & Shrier, I. (2020).
Analyzing Activity and Injury: Lessons Learned from the Acute:Chronic Workload
Ratio. Sports Medicine, 50(7), 1243–1254.
doi:10.1007/s40279-020-01280-1 — Übersichtsarbeit
Impellizzeri, F. M., Tenan, M. S., et al. (2020).
Acute:Chronic Workload Ratio: Conceptual Issues and Fundamental Pitfalls.
International Journal of Sports Physiology and Performance, 15(6),
907–913. — Fachbeitrag
Impellizzeri, F. M., Marcora, S. M., & Coutts, A. J. (2019).
Internal and External Training Load: 15 Years On. International Journal of
Sports Physiology and Performance, 14(2), 270–273. —
Fachbeitrag
Bourdon, P. C., Cardinale, M., Murray, A., et al. (2017).
Monitoring Athlete Training Loads: Consensus Statement. International Journal
of Sports Physiology and Performance, 12(s2), S2-161–S2-170.
doi:10.1123/IJSPP.2017-0208 — Konsenspapier