Drei Kurven, ein Bildschirm — und die dritte ist gar keine Messung.
Auf jeder Formkurve laufen drei Linien. Die eine steigt langsam, die zweite zuckt bei jeder harten Einheit nach oben, die dritte pendelt um die Null. Sie heissen meistens «Fitness», «Ermüdung» und «Frische», und die letzte gilt als die interessanteste: Sie soll sagen, wie es dir heute geht.
Der Blick in die Rechnung ist ernüchternd und aufschlussreich zugleich. Es gibt keine dritte Messung. Die dritte Linie ist die erste minus die zweite. Und die ersten beiden sind dieselbe Rechnung — sie unterscheiden sich in genau einer Zahl.
TSB misst den Abstand zwischen deinen letzten Tagen und deinen letzten Wochen. Das ist eine nützliche Information — aber keine Aussage darüber, wie erholt du bist oder wie du morgen laufen wirst.
Der mittlere Satz gehört dazu. Dieser Artikel handelt nicht davon, dass die Zahl nichts taugt — sondern davon, dass sie eine engere Frage beantwortet, als Wörter wie «Form» oder «Frische» vermuten lassen.
Was die langsame Kurve für sich genommen ist, steht in einem eigenen Artikel. Hier geht es um die schnelle — und um die Differenz.
1 · Zwei Gedächtnisse aus derselben Zahlenreihe
Jeder Trainingstag liefert eine Belastungszahl. Aus dieser einen Reihe entstehen beide Kurven — und zwar mit derselben Formel:
neuer Wert = alter Wert + Anteil × (heutige Last −
alter Wert)
Der «Anteil» ist die einzige Stelle, an der sich die beiden unterscheiden. Er folgt aus
einer Zahl, die man Zeitkonstante nennt.
Es gibt keinen zweiten Mechanismus. Keine Ermüdungsphysiologie, keinen Erholungsterm, keinen Messwert vom Körper. ATL und CTL sind dieselbe Rechnung mit einer anderen Zahl — und der ganze Unterschied zwischen «Ermüdung» und «Fitness» ist im Modell ein Faktor 6 in der Zeitachse.
ATL ist deine Ermüdung.
Warum die Kurven trotzdem so verschieden aussehen, zeigt das Bild.
Dieselben Balken, zwei verschiedene Gedächtnisse. Die kurze Kurve folgt der letzten Woche, die lange dem letzten Vierteljahr. Beide sind gerechnet, keine ist gemessen.
2 · Warum die eine Kurve schneller reagiert
Beide Kurven vergessen — nur unterschiedlich schnell. Wie viel von einem einzelnen Trainingstag nach einer Weile noch mitzählt, lässt sich exakt ausrechnen:
Die Prozentsätze sind für beide Kurven identisch. Nur die Zeit dahinter unterscheidet sich.
Das ist der ganze Unterschied. Eine harte Einheit zählt in der schnellen Kurve nach knapp fünf Tagen noch zur Hälfte, in der langsamen nach gut vier Wochen. Deshalb zuckt die eine und die andere nicht.
Und jetzt die Einordnung, die dazugehört: 7 und 42 sind Konventionen. Es wurde keine Arbeit gefunden, die diese beiden Zahlen empirisch ableitet. Sie sind verbreitet und praktisch — aber sie entsprechen keiner gemessenen Erholungs- oder Anpassungsdauer.
Die 7 Tage entsprechen der Erholungsdauer, weil sich der Körper so lange erholt.
Ein Fachkommentar zum zugrunde liegenden Modell wird an dieser Stelle deutlich: Von der Verwendung allgemeiner Konstanten sei abzuraten, weil sie die Unterschiede zwischen Personen nicht abbilden. Wie stark das durchschlägt, steht in Abschnitt 7.
3 · TSB ist der Abstand, mehr nicht
Die dritte Linie entsteht durch eine Subtraktion:
TSB = CTL − ATL
Also: das lange Gedächtnis minus das kurze. Kein zusätzlicher Messwert, keine dritte
Datenquelle.
Daraus folgt die vollständige mathematische Bedeutung — und sie passt in drei Zeilen:
Das ist die vollständige mathematische Bedeutung. Alles Weitere ist Deutung.
Es lohnt sich, kurz stehen zu bleiben. In diesen drei Zeilen kommt kein einziges Wort über deinen Körper vor. Kein Schlaf, kein Puls in Ruhe, kein Muskelkater, keine Erholung. Die Rechnung kennt nur, wie viel du zuletzt getan hast — verglichen damit, wie viel du davor getan hast.
TSB ist der senkrechte Abstand zwischen den beiden Kurven. Über null heisst: zuletzt weniger als davor. Unter null: zuletzt mehr. Über deinen Zustand sagt der Abstand nichts.
TSB ist deine Form.
Ein positiver Wert heisst, dass du wettkampfbereit bist.
Warum diese beiden Sätze nicht gedeckt sind, zeigen die nächsten drei Abschnitte — einmal aus der Ermüdungsforschung, einmal vom Wettkampftag und einmal aus der Rechnung selbst.
4 · Warum «Ermüdung» ein Modellwort ist
Das Wort stammt aus dem Ursprungsmodell, in dem es eine Antwortfunktion benennt — eine Rechengrösse, keinen gemessenen Körperzustand. Genau derselbe Befund wie bei «Fitness» für die langsame Kurve.
Die naheliegende Frage ist trotzdem: Hängt angesammelte Belastung denn mit messbarer Ermüdung zusammen? Dazu gibt es eine Untersuchung. Bei 10 Profifussballern wurden über 17 Tage sieben mögliche Ermüdungsmasse gegen die angesammelte Last der letzten 2, 3 und 4 Tage geprüft:
Fünf von sieben Massen zeigten keinen nachweisbaren Zusammenhang. Die beiden übrigen einen schwachen bis moderaten. Einschränkung: 10 Personen, Fussball, 17 Tage, und gemessen wurde die äussere Belastung als Hochgeschwindigkeitsdistanz — nicht ATL selbst. Der Befund trifft die Annahme hinter der Kurve, nicht die Kurve in ihrer konkreten Gestalt.
Ein zweiter Befund derselben Arbeit betrifft ATL unmittelbar: Längere Zeitfenster verbesserten die Empfindlichkeit nicht systematisch. Ein Sieben-Tage-Fenster ist damit nicht offensichtlich besser als der Vortag.
Und die Gegenrichtung, die dazugehört
Daraus folgt nicht, dass ein anderes verfügbares Mass die Ermüdung richtig erfassen würde. Ein breit rezipierter Überblick hält fest, dass für die wenigsten dieser Marker starke Belege existieren und bislang kein einziger definitiver Ermüdungsmarker beschrieben wurde.
Dass ATL keine Ermüdung misst, heisst nicht, dass ein anderes Mass es täte. Es gibt keinen Goldstandard, gegen den man die Kurve ausspielen könnte. Das gilt für das ganze Feld, nicht nur für diese Zahl.
ATL taugt nichts — es gibt bessere Masse, die Ermüdung richtig messen.
Ein konstruktiver Hinweis steht in derselben Übersicht: Nicht die Höhe einer Lastzahl deute auf Ermüdung hin, sondern das Auseinanderlaufen äusserer und innerer Belastungsgrössen. Bemerkenswerterweise rechnet Sumenia so etwas bereits — dazu Abschnitt 9.
5 · Was am Wettkampftag tatsächlich gemessen wurde
Wenn die Zahl «Form» heisst, ist die entscheidende Frage einfach: Sagt sie am Wettkampftag die Leistung vorher? Dazu gibt es eine Arbeit, die genau das geprüft hat.
21 Elite-Gewichtheber — ihre Bestleistungen lagen im Mittel bei 96,3 Prozent des Weltrekords —, acht Wochen vor der Olympia-Qualifikation, TSB mit drei verschiedenen Mittelungsverfahren berechnet:
Es fanden sich keine beständigen Zusammenhänge zwischen der Leistung und der Trainingsbelastung am Wettkampftag. Erfolgreiche und erfolglose Auftritte liessen sich am Wert nicht unterscheiden.
Ein negativer Wert bedeutet, dass du am Wettkampftag schlecht abschneidest.
Einschränkungen: 21 Personen, Gewichtheben und nicht Ausdauersport, die innere Belastung kam aus einer Anstrengungsbewertung statt aus dem Puls, und es war ein einziger Wettkampf. Ein negativer Befund an einer kleinen Stichprobe widerlegt nichts endgültig — er trägt aber auch die verbreitete Behauptung nicht.
Was dieselbe Arbeit dagegen fand
Und hier gehört die andere Hälfte dazu, denn die Arbeit fand durchaus etwas — nur nicht das Erwartete. Nicht der Wert, sondern seine Schwankung hing mit der Leistung zusammen: Die Schwankungsbreite in den letzten drei Wochen war bei erfolgreichen Athleten niedriger. Die Zusammenhänge lagen bei r = −0,41 bis 0,48.
Zwei Einschränkungen, ohne die dieser Befund nicht zitiert werden darf. Erstens galt er nur beim einfachen gleitenden Mittel — nicht bei den exponentiell gewichteten Verfahren, auf denen ATL, CTL und TSB beruhen. Zweitens lagen die p-Werte teilweise bei 0,07, also über der üblichen Grenze. Daraus folgt keine Handlungsregel.
Halte deine Frische in den letzten 21 Tagen vor dem Wettkampf stabil.
Und ein dritter Befund derselben Arbeit richtet sich gegen die Bauart selbst: Das einfache gleitende Mittel erklärte die Leistung der Gewichtheber besser als die exponentiell gewichteten Verfahren. Das ist ein Befund, kein Urteil — eine Arbeit, eine Sportart, ein Wettkampf.
Und die Zielbereiche?
Verbreitet sind Faustzahlen dafür, in welchem Bereich die «Form» am Wettkampftag liegen sollte. Es wurde keine peer-reviewte Arbeit gefunden, die solche Bereiche prüft. Sie sind Coaching-Konvention — was sie nicht wertlos macht, aber sie sind keine physiologische Validierung.
Der optimale Bereich für einen Wettkampf liegt zwischen 5 und 25.
6 · Der Fall, der alles zeigt: drei Wochen Pause
Es gibt ein Rechenbeispiel, das die Frage schneller beantwortet als jede Studie. 120 Tage gleichmässiges Training, dann drei Wochen gar nichts:
Die «Frische» steigt auf über +30, während die «Fitness» um rund 40 Prozent fällt. Der Wert, der Bereitschaft signalisieren soll, steht hier am höchsten — nach drei Wochen Nichtstun.
Die Pause öffnet den Abstand — nicht, weil etwas besser wird. Die kurze Kurve fällt schnell, die lange langsam. Genau das erzeugt einen hohen positiven Wert. Nachgerechnet, nicht gemessen, und keiner Person zugeordnet.
Ein hoher positiver Wert heisst nur: Du hast zuletzt weniger trainiert als in den Wochen davor. Nichts weiter.
Das ist keine Fehlfunktion der Rechnung — es ist genau das, was sie tut. Der Fehler entsteht erst bei der Übersetzung in Wörter wie «ausgeruht» oder «bereit».
Ein Wert über +30 zeigt, dass du besonders erholt und bereit für einen harten Reiz bist.
Drei weitere Fälle, in denen die Zahl täuscht
Erstens: derselbe Wert, völlig andere Lage. Diese drei Athleten haben alle dieselbe «Frische» von +15:
Ein Differenzwert kennt seine Bestandteile nicht. Deshalb lässt sich die Zahl auch nicht zwischen zwei Menschen vergleichen — sie sagt nur etwas über deinen eigenen Verlauf.
Zwei Sportler mit derselben Frische sind gleich weit.
Zweitens: gleiches aktuelles Training, verschiedene Vorgeschichte. Zwei Athleten trainieren gerade dasselbe — eine Woche mit je 30 Punkten pro Tag. Der eine kommt aus 120 Tagen mit 60, der andere aus 120 Tagen mit 15:
Dasselbe Training heute, entgegengesetzte Vorzeichen. Der Wert beschreibt eine Veränderung gegenüber der eigenen Vergangenheit — nicht einen Zustand.
Drittens: die ersten Monate. Wer neu anfängt, startet in der Rechnung bei null. Und weil die lange Kurve viel langsamer steigt als die kurze, steht die Differenz monatelang tief im Minus:
Diese Anfangswerte sind ein Rechenartefakt, keine Ermüdung. Sie entstehen, weil die Rechnung bei null startet und die lange Kurve langsamer aufholt als die kurze. Wer in den ersten Monaten stark negative Werte sieht, sieht die Startbedingung — nicht seinen Körper.
Am Anfang ist der Wert negativ, weil man als Einsteiger noch nicht belastbar ist.
Alle Zahlen dieses Abschnitts sind nachgerechnet, nicht gemessen — eingesetzt in dieselbe Rekurrenz, die auch im Produkt steht. Sie gehören zu keiner Person.
7 · Zwei Zahlen, die die «Form» bestimmen
Bleibt die Frage, wie sehr die beiden Konventionen aus Abschnitt 2 überhaupt ins Gewicht fallen. Die Antwort lässt sich vorrechnen. Derselbe Trainingsverlauf, drei verschiedene Parameterwahlen:
Identische Trainingsdaten. Eine «Form» von +0,7 bis +17,2 — allein durch die Wahl zweier Zahlen, für die keine physiologische Begründung gefunden wurde.
Das ist auch der Grund, warum ein fester Zielbereich schwierig ist: Er hinge an Konstanten, die niemand für dich bestimmt hat.
Und ist das nun das Fitness-Fatigue-Modell?
Die Bauart stammt erkennbar von dort: zwei unterschiedlich schnell abklingende Antworten auf denselben Trainingsreiz, und die Leistung entsteht als ihre Differenz. Diese Modellfamilie ist peer-reviewt. Aber die Kennzahlen vereinfachen sie an drei Stellen:
Zulässig ist: Die Kennzahl ist strukturell an ein peer-reviewtes Modell angelehnt und vereinfacht es an drei Stellen. Nicht zulässig ist: sie mit dem Modell gleichzusetzen.
TSB ist das Fitness-Fatigue-Modell von Banister.
8 · Was die Differenz von der Belastungszahl erbt
Beide Kurven entstehen aus einer Zahl, die selbst schon gerechnet ist — der Belastungszahl je Trainingstag. Und die hängt an einem persönlichen Schwellenwert, der danebenliegen kann. Was passiert damit in der Differenz?
Die naheliegende Vermutung ist beruhigend: Wenn beide Kurven denselben Fehler haben, kürzt er sich beim Abziehen heraus. Das stimmt nur für eine von zwei Fehlerarten — und ausgerechnet für die unwichtigere.
Fall 1 · Der Schwellenfehler — er überlebt vollständig
Ein falscher Schwellenwert verändert nicht einen Tag um einen Betrag, sondern jeden Tag um denselben Faktor. Und ein Faktor lässt sich aus der Differenz ausklammern:
Faktor × CTL − Faktor × ATL = Faktor × (CTL − ATL)
= Faktor × TSB
Der Fehler kürzt sich nicht heraus. Er skaliert die Differenz mit.
Vorgerechnet mit einer um 10 Prozent zu hoch angesetzten Schwelle — der Faktor ist dann 0,826:
Das Vorzeichen bleibt, der Betrag nicht. Wer den Wert gegen feste Bereiche hält, hält ihn gegen einen Massstab, der bei jedem anders skaliert ist.
Ein falscher Schwellenwert kürzt sich in der Differenz heraus.
Fall 2 · Eine gleichbleibende Verschiebung — sie verschwindet, aber langsam
Wird dagegen jeder Tag um denselben Betrag verschoben, kürzt sich der Fehler tatsächlich heraus. Nur dauert es:
Ein solcher Dauerfehler verschwindet in der Differenz — aber er wirkt monatelang, mit einem Maximum um Tag 15.
Die Antwort in einem Satz: Die Differenz verbirgt genau eine Fehlerklasse — gleichbleibende Verschiebungen, und auch die erst nach Monaten. Der wichtigste Fehler, der falsche Schwellenwert, überlebt die Subtraktion vollständig. Woher dieser Fehler kommt und wie gross er wird, steht in einem eigenen Artikel.
Ein zweiter Punkt, der leicht übersehen wird
Weil beide Kurven aus derselben Zahlenreihe stammen, hängen sie eng zusammen. Ihre Differenz schwankt deshalb systematisch weniger als jede der beiden für sich — und wirkt dadurch ruhiger, als die Eingangsdaten es rechtfertigen.
Weil die Frische so ruhig verläuft, ist sie die verlässlichste der drei Zahlen.
9 · Was Sumenia tatsächlich rechnet
Sechs Dinge über die Rechnung im Produkt — jedes davon steht so im Code:
Zwei davon verdienen eine Einordnung. Dass die Differenz aus dem Vortag stammt, heisst: Sie ist nicht einfach die heutige Fitness minus die heutige Ermüdung. Und dass die Kurve bis heute läuft, ist eine bewusste Entscheidung — eine Kurve, die am letzten Trainingstag stehenbleibt, friert dich im Moment deiner grössten angesammelten Last ein.
Im Produkt tragen die drei Kurven die Namen «Fitness», «Ermüdung» und «Frische». Das sind Modellnamen, keine Körperzustände — genau die Unterscheidung, um die es in diesem Artikel geht. Wer die Kurven so liest, wie sie gerechnet sind, liest sie richtig.
Sumenia misst deine Frische und sagt dir, wie erholt du bist.
Und eine Sache, die bereits existiert
Aus Abschnitt 4 blieb ein Hinweis offen: Nicht die Höhe einer Lastzahl deutet auf Ermüdung, sondern das Auseinanderlaufen äusserer und innerer Grössen. Sumenia rechnet genau so eine Grösse bereits — die Entkopplung von Tempo und Puls innerhalb einer Einheit. Ob sie das bessere Ermüdungsmass wäre, ist offen: Eine Validierung dafür wurde nicht gefunden. Der Hinweis stammt aus einer Übersicht, nicht aus einer Prüfung.
10 · Wofür die Zahl taugt
Nach neun Abschnitten voller Einschränkungen die Gegenfrage: Wozu dann überhaupt hinsehen?
Die ehrliche Antwort ist bescheidener als «Form» — und trotzdem brauchbar. Was der Abstand zuverlässig kann, kann er weil er eine Rechnung ist, nicht obwohl:
Die Regel dahinter: Lies die drei Kurven zusammen, nicht die Differenz allein. Genau das zeigt der Pausenfall aus Abschnitt 6 — der Abstand allein hätte dort das Gegenteil nahegelegt.
Und ein vorsichtiger Hinweis aus der Forschung, der zu dieser Leseweise passt: In der Gewichtheber-Arbeit war nicht der Wert bedeutsam, sondern seine Schwankung über drei Wochen. Das ist ein Teilbefund mit engen Grenzen — eine Beobachtung an 21 Personen, nur bei einem der geprüften Rechenverfahren. Eine Handlungsregel ist es nicht.
11 · Was die Zahl nicht wissen kann
In die Rechnung gehen genau zwei Dinge ein: deine Tageslasten und zwei Zeitkonstanten. Alles andere fehlt — nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil es nie erhoben wurde.
TSB misst, wie erholt du bist.
TSB sagt vorher, wie du morgen laufen wirst.
TSB zeigt dein Verletzungs- oder Überlastungsrisiko.
Für die erste und die dritte dieser Aussagen wurde keine Untersuchung gefunden, die sie prüft. Für die zweite gibt es eine — und sie fand am Wettkampftag keinen beständigen Zusammenhang.
Links Aussagen über die Rechnung, rechts Aussagen über den Körper. Die linke Spalte ist exakt. Für die rechte wurden keine Belege gefunden. Der Unterschied zwischen beiden ist der ganze Artikel.
Ein Punkt gehört ausdrücklich dazu: Diese Zahlen sind Modellgrössen, keine Diagnose. Sie ersetzen kein ärztliches Urteil und stellen keines.
Und was für die Gruppe gilt, gilt nicht für dich
Alle genannten Zusammenhänge stammen aus Beobachtungen an Gruppen — 10 Fussballer, 21 Gewichtheber, 13 Basketballerinnen. Ein Gruppenmittel ist keine Individualregel. Für die zugrunde liegende Belastungszahl ist gemessen, wie weit das auseinandergehen kann: Auf Gruppenebene lag ein Zusammenhang bei r = 0,81 bis 0,85, auf der Ebene der einzelnen Person zwischen r = 0,48 und r = 0,99.
Weil der Zusammenhang über viele Menschen hinweg gilt, gilt er auch bei dir.
12 · Was offen bleibt
Ein ehrlicher Artikel nennt auch, was er nicht beantworten kann:
- Woher stammen die Kennzahlen? In der geprüften Fachliteratur liess sich keine peer-reviewte Originaldefinition finden, die ATL, TSB oder die zugehörige Darstellung einführt. Die Modellfamilie dahinter ist peer-reviewt, die benannten Kennzahlen nicht.
- Woher kommen 7 und 42? Keine empirische Ableitung gefunden.
- Warum sind die Gewichte 1 zu 1? Das Ursprungsmodell schätzt sie für jede Person einzeln. Für die Vereinfachung wurde keine Begründung gefunden.
- Wurde die Differenz je gegen ein Erholungs- oder Bereitschaftsmass geprüft? Keine Arbeit gefunden.
- Ab wann sind die Werte nach dem Start belastbar? Der Verlauf lässt sich ausrechnen (Abschnitt 6), eine Brauchbarkeitsgrenze nicht.
- Und Frauen? Die tragenden Arbeiten sind männlich oder werten nicht geschlechtsgetrennt aus.
ATL und TSB haben keine wissenschaftliche Grundlage.
Das wäre der falsche Schluss, und er ist ausdrücklich nicht gemeint. Eine fehlende Definitionsarbeit ist etwas anderes als eine fehlende Prüfung. Die Modellfamilie ist peer-reviewt, und zur Anwendung von Belastungsmassen existiert Literatur — ein Teil davon steht in diesem Artikel. Gesucht wurde ausserdem nur in Fachdatenbanken, nicht in Büchern, Handbüchern oder Firmenunterlagen, und genau dort ist die Definition zu vermuten.
Nicht gefunden heisst nicht nicht vorhanden. Und «nicht belegt» heisst nicht «widerlegt».